Die Zeitschrift für kritische Theorie ist ein Diskussionsforum für die materiale Anwendung kritischer Theorie auf aktuelle Gegenstände und bietet einen Rahmen für Gespräche zwischen den verschiedenen methodologischen Auffassungen heutiger Formen kritischer Theorie. Sie dient als Forum, das einzelne theoretische Anstrengungen thematisch bündelt und kontinuierlich präsentiert. www.zkt.zuklampen.de
Peter Bulthaup erklärt in diesen einführenden Vorlesungen, wie menschliches Erkennen überhaupt möglich ist und warum wir urteilen dürfen, dass einige unserer Vorstellungen von den Gegenständen notwendig und allgemein gelten. Der gegenwärtige Wissenschaftsbetrieb präsentiert Erkenntnistheorie als eine gesonderte Teildisziplin der Philosophie, getrennt von den erkannten Gegenständen und überwiegend unabhängig von den Kenntnissen der Naturwissenschaften. Bulthaup geht gänzlich anders vor. Er entfaltet die begrifflichen Grundlagen des Erkennens an Modellen, insbesondere daran, wie in der Geschichte die Menschen zu ihrem Wissen von astronomischen, physikalischen und chemischen Prozessen gelangten. Erst so – und gerade nicht in der Abstraktion vom ›Material‹ des Erkennens – kann die Reflexion auf das Verhältnis des Subjekts des Erkennens zu seinem objektiven Gegenstand das emanzipatorische Potenzial offenlegen, das, durch den herrschenden Wissenschaftsbetrieb bislang verschüttet, in der Erkenntnistheorie liegt.
Pedanten sind lästig. Ständig erheben sie ungefragt Einspruch und blockieren jede neue Idee. Kein kühnes Projekt bleibt von ihrer Krittelei verschont. Als notorische Besserwisser nötigen sie damit jeden Gesprächspartner zu größter Selbstbeherrschung. Markus Krajewski schlägt einen historischen Bogen von Montaignes wenig schmeichelhaftem Blick auf die Figur des Schulmeisters bis in unsere Gegenwart. Aber sind Pedanten tatsächlich nur sture Eigenbrötler, die sich fortschreitender Erkenntnis verweigern, oder haben sie in der innovationsversessenen Moderne nicht auch eine wichtige kritische Funktion? In diesem Essay lotet der Autor sowohl die erkenntnisstiftende als auch die erkenntnishemmende Wirkung der Pedanterie aus. Anhand von drei Fallstudien aus der Wissensgeschichte gelingt es ihm, Pedanten in ihrer Streitlust und selbstgewissen Querulanz zugleich als Meister übergroßer Genauigkeit herauszuarbeiten. Denn den Praktiken, die Pedanten zur Durchsetzung ihrer Argumente bevorzugt nutzen – etwa das Sammeln, Vergleichen oder Korrigieren –, kommt eine unverzichtbare regulatorische Wirkung im Prozess der Erneuerung zu.
Sie sind auf der Suche nach dem »Grimm des Lebens«? Sie haben ihn gefunden! In seinem neuen Buch geht der Kolumnist Imre Grimm erneut mit Charme und Strenge dem deutschen Alltag auf den Grund. Wortwitz trifft auf präzise Beobachtung, anekdotische Nostalgie auf Selbstironie. Es geht um überdrehte Brötchennamen (»Mohnika«), liebestolle Jugendsprache (»Ich küsse deine Augen, Brudi!«), unsterbliche Anglizismen (»Mannschästerhose«) – und die Freude am gehobenen Spott. Ein Buch für alle, die wissen: Das wirklich Komische entsteht nicht im Ausnahmezustand, sondern im menschlichen Normalbetrieb. Grimms Kolumnen begeistern wöchentlich Millionen Leser von mehr als fünfzig Tageszeitungen in ganz Deutschland. Mit seinen Lesungsprogrammen ist er seit vielen Jahren auf deutschen Bühnen unterwegs.
Der Kampf für den »sensiblen« Gebrauch unserer Sprache treibt immer weitere Blüten. Angeblich böse Wörter dürfen nicht mehr ausgesprochen, Kinderbücher müssen sprachlich gereinigt, wissenschaftliche Texte durch kryptische Sprachzeichen entstellt werden. Warum? Weil die Nutzer dieser Wörter sich sonst angeblich zu Mittätern bei der Unterdrückung gesellschaftlicher Minderheiten machen. Mathias Brodkorb hat die vielfältigen Verwendungsweisen »böser« Wörter wie »Indianer«, »Neger« oder »Zigeuner« untersucht. Dabei stellt sich heraus, dass das bloße Aussprechen dieser Wörter noch nichts über die Absichten der Sprecher verrät. Denn wer vom »N-Wort« spricht, muss zugleich immer an das Wort »Neger« denken, um es zu übersetzen. Macht sich der Sprachkritiker damit nicht selbst Tag für Tag schuldig? In teilweise höchst amüsanten Geschichten beleuchtet Brodkorb die »bösen« Wörter und ihre realen Gegenstände. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass menschliche Kommunikation nur gelingt, wenn wir den Aussagen unserer Gesprächspartner zunächst wohlwollend begegnen. Mit ein wenig mehr Gelassenheit könnte an die Stelle von Konfrontation gelungene Verständigung treten.
Digitalisierung ist allgegenwärtig. Niemand kann sich ihr entziehen, kaum jemand will es. Zu groß sind die Effizienzgewinne, zu praktisch sind digitale Kommunikation und Informationsbeschaffung, zu viel Spaß macht es, sich mit Videoclips zu unterhalten. Doch die Kosten der Digitalisierung sind hoch. Die Autonomie, die sie versprach, erweist sich zunehmend als Schimäre. Wie keine andere Technologie durchdringt sie Beruf, Freizeit, Konsum und Kommunikation. Wir kaufen digital, arbeiten digital und verlieben uns digital. Der Homo scrollens ist zur Leitfigur unserer Zeit geworden: gebeugter Oberkörper, starrer Blick, nervös zuckender Daumen – ein digitaler Schlafwandler im öffentlichen Raum. Weil eine alternativlose Digitalisierung sich unversehens in das Gegenteil von Freiheit zu verwandeln droht, plädiert Alexander Grau für das Recht auf ein analoges Leben. Nur wenn der Einzelne nicht genötigt ist, für jede Lebensäußerung digitale Endgeräte oder Netzwerkzugänge zu benutzen, kann diese Technologie einen Zugewinn an Freiheit bieten.
Einsiedler mögen ohne die Nähe anderer Menschen auskommen, die meisten von uns aber wollen und können das nicht. Wir suchen die Nähe zu unseren Liebsten und wissen doch oft nicht, wie sie erlangt werden kann. Dabei beschreibt Nähe weit mehr als einen räumlichen Zustand. In der U-Bahn sind wir ungewollt vielen Menschen nah – aber doch unendlich weit entfernt. Wahre Nähe verdankt sich dem Wechselspiel von Öffnung und Verweigerung, der Begegnung und des Sich-Entziehens, und bleibt selbst über große Entfernungen hinweg spürbar. Martin Scherer zeigt, wie sich Nähe als geistige Empfindsamkeit von der bloßen Beziehung abhebt. Während diese sich regeln und dosieren lässt, birgt jene eine zumeist stille Intensität, die jedoch das Kuschelige, Traute auf Abstand hält. Kann die Nähe der raumgreifenden Distanz zwischen Menschen, die vernetzt, aber nicht mehr verbunden sind, etwas entgegensetzen?
Diskussionen über die politischen und militärischen Auseinandersetzungen von Israelis und Palästinensern sind hierzulande häufig von Unkenntnis und Unverständnis geprägt. Einem Überschuss an Meinung steht ein deutlicher Mangel an Wissen gegenüber. Der Historiker Michael Wolffsohn, ein ausgewiesener Kenner des Nahen Ostens, sucht diesen Missstand zu beheben. Im Rahmen eines leidenschaftlich, aber sachlich geführten Gesprächs werden die historischen Hintergründe des »Ewigen Kriegs« zwischen Palästinensern und Juden von verschiedenen Blickwinkeln aus beleuchtet. Übliche Schuldzuweisungen spielen dabei keine Rolle, statt Agitation bietet es Information. Wie aber, wenn überhaupt, ließe sich die gegenwärtig aussichtslos erscheinende Lage langfristig befrieden? Der oft geäußerten Wunschvorstellung einer Zweistaatenlösung setzt der Autor ein politisch tragfähigeres Konzept entgegen.
»Grob«, so Horkheimer und Adorno, fassen die Thesen vom Mythos als Aufklärung und vom Rückgang in Mythologie das erste Kapitel ihrer epochalen »Dialektik der Aufklärung« zusammen. Das zweite Kapitel blickt am Beispiel der »Odyssee« genauer hin. Indem es dem Mythos nicht die Aufklärung, sondern das Epos entgegensetzt, führt es die Thesen nicht nur aus, sondern auch weiter. Denn die »Odyssee« lässt sich auf keine der Thesen verkürzen: Weder ist sie eigentlich »Mythos« noch führt sie als Entmythologisierung dorthin zurück. Der Odysseus-Exkurs erlaubt vielmehr, im Epos den Ausgangspunkt von Geschichte zu sehen und mitzuvollziehen, wie diese in der »Erzählung des Lebens« gerinnt.
Wien, Ende 1938: Für die junge Schriftstellerin Gerty Kelemen ist klar, dass sie als Jüdin nicht länger sicher ist. Auf der Flucht trifft sie den Ölhändler Mau Hanemann, verliebt sich und zieht mit ihm nach Amsterdam. In den Niederlanden sind die beiden Außenseiter – Teil eines seit Jahrzehnten wachsenden Stroms meist unerwünschter jüdischer Migranten aus dem Osten. Die dramatische Lebensgeschichte von Mau und Gerty führt von den osteuropäischen Schtetl bis nach Tel Aviv, über London und Paris und über das Lager Westerbork bis nach Bergen-Belsen. Im Angesicht des Todes hält ein einziger Wunsch Mau und Gerty am Leben: ihre kleine Tochter wiederzusehen, die sie zu deren Schutz weggegeben haben.
Ruhrgebiet 1936: Die Kohlekumpel Schorsch und Gustav führen einen Seidenraupenzüchterverein. Als ihre Zucht vom NS-Regime zur staatlichen Musteranlage erklärt wird, ergreifen sie ihre Chance, der Enge des Bergwerks zu entkommen und in die Seidenproduktion einzusteigen. Diese wird bald Teil der Kriegswirtschaft: Die zarten Fäden der Raupen dienen der Herstellung von Fallschirmen, die Zucht wird zum profitablen Rüstungszweig. Mit präzisem Blick für soziale Milieus und historische Brüche legt Nora Bossong ein eindringliches Kammerspiel über Opportunismus, Verstrickung und Schuld vor.
Eine Seefahrt, die ist lustig – ein Lied, das schon um 1900 gesungen wurde und heute noch Kreuzfahrtbegeisterte begleiten könnte. Für frühere Schiffsreisende jedoch sah die Realität meist anders aus: Der Abschied vom Lande war ein Wagnis auf Leben und Tod. Enge Unterbringung, unberechenbare Flauten und widriges Wetter ließen Ankünfte unsicher werden, Leib und Leben waren stets bedroht, wie eine Seemannsweisheit bezeugt: »Das Schiff, das dem Steuer nicht gehorcht, wird den Klippen gehorchen müssen.« Johann-Günther König zeigt anhand packender Schilderungen von der Antike bis ins 21. Jahrhundert, wie sich das Reisen auf dem Meer im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat.
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