Seinen Bericht aus der Zeit des Exils: von der Internierung in mehreren französischen Lagern während des Zweiten Weltkriegs und der riskanten Flucht über Marseille nach Casablanca, schrieb Soma Morgenstern in den USA, vermutlich ab Mitte der fünfziger Jahre. Wohl redet Morgenstern in diesem Romanbericht mit der Stimme einer fiktiven Erzählerfigur, gibt auch den damaligen Mitgefangenen geänderte Namen, im wesentlichen aber hält er sich ans reale Geschehen. Das erzählende Ich des Buches, der aus der Ukraine stammende "arische" Schriftsteller Petrykowsky, spricht in einundvierzig Kapiteln von dem Weg, auf dem es ihn schließlich ins Lager von Audierne, einem Fischerdorf im bretonischen Finistère, verschlägt. Nach der Übernahme des Lagers durch die deutsche Wehrmacht im Juni 1940 und vor der drohenden Ankunft der Gestapo flüchtet er gemeinsam mit zwei Mitgefangenen, und es gelingt ihm, in wochenlanger Wanderung sich zum unbesetzten Südteil Frankreichs durchzuschlagen.
So genau Morgenstern die Lebensbedingungen dieses elendsten Abschnitts der Exilzeit notiert, sein zwischen Anteilnahme, Ironie und Sarkasmus wechselnder Bericht gilt doch vor allem den Ängsten und Hoffnungen, der Resignation und der Umsicht, den Illusionen und den Versuchungen derer, die gleich ihm solchen Verhältnissen unterworfen waren. Darum auch ist seine Erzählung von Dialogen allerart bestimmt, von all den Gesprächen, Unterredungen, Debatten der Rat suchenden Exilierten. So bietet sein Buch, das hier erstmals veröffentlicht wird, nicht nur ein rares Dokument zum Internierungslager von Audierne, es zeichnet auch ein facettenreiches inneres Porträt einer Hauptfigur des Jahrhunderts, des Menschen auf der Flucht vor Gewalt.
Vita
Soma Morgenstern
Der jüdische Schriftsteller Soma Morgenstern (1890–1976) wuchs in einer orthodoxen Familie in Ostgalizien auf. Nach einem Jurastudium in Wien und dem Kriegsdienst wurde er 1921 promoviert. Ab 1927 berichtete er als Kulturkorrespondent der »Frankfurter Zeitung« aus Wien und bewegte sich im Freundeskreis von Alban Berg und Joseph Roth. Nach dem »Anschluss« Österreichs musste Morgenstern 1938 nach Paris fliehen, später emigrierte er in die USA. Seine Romane, Essays und autobiografischen Werke gelten heute als bedeutende Zeugnisse der Exilliteratur.
Ingolf Schulte
Ingolf Schulte, geb. 1938 in Hamburg, lebt in der Nähe von Frankfurt. Arbeit im graphischen Gewerbe; literarische und philosophische Studien; Lehrtätigkeit im Bereich der Philosophie. Ingolf Schulte ist Herausgeber der Soma Morgenstern Edition im zu Klampen Verlag. Darin erschienen: »In einer anderen Zeit« (1995), »Der Sohn des verlorenen Sohnes« (1996), »Idyll im Exil« (1996), »Das Vermächtnis des verlorenen Sohnes« (1996), »Die Blutsäule« (1997), »Flucht in Frankreich« (1998), »Der Tod ist ein Flop« (1999), »Dramen. Feuilletons. Fragmente« (2000), »Kritiken. Berichte. Tagebücher« (2001), Morgensterns gesamte »Werke in Einzelbänden« (2001), »Joseph Roths Flucht und Ende« (2006) und »Alban Berg und seine Idole« (2009).
Pressestimmen
Von doppelter Bedeutung: als genaue Beschreibung der grausamen Internierung der Flüchtlinge in Frankreich und als autobiographischer Bericht des Autors. (…) weit lesenswerter und bedeutender als Lion Feuchtwangers ansonsten vergleichbarer Bericht ›Der Teufel in Frankreich‹.
Dem zu Klampen Verlag gebührt das Verdienst, jenen bis in die neunziger Jahre so gut wie unbekannten Autor durch eine elfbändige Werk-Ausgabe ins literaturwissenschaftliche Bewusstsein gehoben zu haben, wo ihm verdiente Rettung vor dem Vergessenwerden winkt.
Den Text kennzeichnet wie alle schon veröffentlichten Bücher Soma Morgensterns eine große Sensibilität. Er schildert genau, eindrücklich und zugleich ironisch distanziert.
Indem (Morgenstern) die Fülle seiner Erfahrungen stets in Beziehung setzt zu ihren politisch-historischen Begleitumständen, betreibt er beides – und beides zugleich: narrative Innenschau der ›Alpdruckwelt‹ (Anna Seghers) und klarsichtige Zeitdiagnostik.
Wer von Morgenstern nun allerdings einen Roman in dunklen Tönen erwartet, der hat nicht mit seinem aufhellenden ›sicheren Witz‹ (Musil) und mit seinem originellen Zugriff gerechnet.
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Eine Fundgrube für (…) alle, die die Spuren antifaschistischen Exils festhalten wollen. (…) Ein bemerkenswertes und beeindruckendes Buch.
›Flucht in Frankreich‹ ist ein idealisierungsfernes Buch, wie man es lange suchen kann.
In seinem geschickten Wechsel zwischen Ernst und Witz, Dramatischem und Komischem gelingt es Morgenstern, zu belehren und zu unterhalten.