Marcel Proust hat der Madeleine ein literarisches Denkmal gesetzt, Günther Grass die »Ahoj«-Brause in der »Blechtrommel« verewigt. Doch wer feiert heute noch den süßen Schmerz, den der Genuss eines Himbeerbonbons verursachte, wer erinnert sich an das Lässigkeitsversprechen des Kaugummis, dem heimlichen Verbündeten der Reeducation, wer gedenkt noch der giftgrünen Verheißung der »Götterspeise«?
Mit diesen überaus amüsanten Capriccios, in denen hie und da etwas Wehmut aufscheint, lässt Tilman Allert die Geschmäcker einer Kindheit in den frühen Jahren der Bundesrepublik aufleben: wie ein vorsorglich in der Hosentasche verstautes »Vivil« über die Befangenheit vor dem ersten Kuss hinweghalf, was der verlockend leuchtende Liebesapfel seinem Esser an Geschicklichkeit abverlangte, welcher Zungenakrobatik es bedurfte, um die Hostie vom Gaumen zu lösen und wie ein Kamillendampfbad dem Kranken alle Sinne gleichermaßen vernebelte – einfach unwiderstehlich und höchst amüsant.
Vita
Tilman Allert
Tilman Allert, geboren 1947, studierte Soziologie in Freiburg, Tübingen und Frankfurt am Main. Seit 2000 ist er Professor für Soziologie und Sozialpsychologie an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt. Als Gastdozent lehrt er in Berlin, Tiflis und Eriwan. Er schreibt regelmäßig für verschiedene Tageszeitungen (u.a. für die »Frankfurter Allgemeine«, »Neue Zürcher«, »Die Welt«). Zu seinen bekanntesten Buchveröffentlichungen zählen »Der deutsche Gruß. Geschichte einer unheilvollen Geste« (2005) und »Latte Macchiato. Soziologie der kleinen Dinge« (2015).Bei zu Klampen veröffentlichte er »Der Mund ist aufgegangen« (2016).
Pressestimmen
Lesenswert!
Das Büchlein führt auf vergnüglichen Pfaden zurück in die Kindheit einer bestimmten Epoche – durch den Mund!
Allert (…) schreibt nicht vordergründig erlebnishaft, sondern (...) behutsam, sich vorwärtstastend, aber immer so eindrücklich und genau, dass man die beschriebenen Speisen und Getränke (...) selbst zu schmecken oder zu riechen meint.
(...) diese Texte kommen ganz leicht daher. Doch sie sind auch präzise formuliert. Präzise und ein wenig stimmungsvoll. (...) So hat Allerts Buch noch eine schöne andere Wirkung: Man erinnert sich an die eigene Kindheit...
Von dieser Verknüpfung zwischen der Beobachtung der kleinen Dinge und Einordnung ins Menschsein, so kunstvoll formuliert und dennoch leicht lesbar, möchten wir mehr hören und lesen.
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Neben dem Wecken von Erinnerungen bereitet dieses Buch ein vorzügliches Lesevergnügen.
Allert i(s)st ausgewogen genug, den Lesern auch grausame Geschmackserfahrungen zuzumuten.
Nostalgie at its best, möchte man zusammenfassen. Und ganz ohne jeden klebrigen Beigeschmack. Einfach schön! Eine Prosa, bei der einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Wenn das keine Verheißung für eine weiterführende Lektüre ist ...
Das Büchlein über den kindlich aufgegangenen Mund ist für die sinnliche und nachsinnende Rekapitulation von Erwachsenen geschrieben, die sich gern auf Erinnerung und Eloquenz einlassen. Denen wird es ausnehmend gut schmecken.
Hochbekömmliche Essaypralinen über kindliche Geschmackserfahrungen.
Selten wurden wohl die Vorgänge und Empfindungen in Mund und Rachen so genau und anschaulich beschrieben. Immer auch sucht der Phänomenologe kluge und überraschende Anschlüsse an kulturhistorische und alltagssoziologische Diskurse.
Streng wissenschaftlich und amüsant mit Simmels Soziologie und Plessners Anthropologie gedeutet.