Gadhafi läßt bitten//Novelle

Christof Wackernagel
Gadhafi läßt bitten

Novelle

Hardcover mit Schutzumschlag, 143 Seiten
Format: 13.5 x 21 cm
Erscheinungstermin: September 2002
ISBN 9783933156631
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Inhalt

Eine Einladung, die einer Aufforderung gleichkommt, flattert der Vorsitzenden des deutschen Libyen-Solidaritätskomitees auf den Tisch. Binnen 24 Stunden möge sie sich zu den Revolutionsfeierlichkeiten in Tripolis einfinden, vorher allerdings noch flink eine Abordnung Deutscher zusammenstellen, die sie dabei begleiten solle. Überstürzte Vorbereitungen, hastige Telefonate. Zuletzt besteigt eine Handvoll »Delegierter« das Flugzeug. Ankunft Flughafen Tripolis, rätselhafte Einreiseprozeduren, einige bange Momente... Transfer zum ersten Haus am Platze. Von da an folgt die Reise einer undurchschaubaren, dennoch ausgeklügelten, straffen Dramaturgie. Wie sich die streitbare Libyen-Veteranin, der allemannische Alternative, der aufrechte Häuserkämpfer, der bärtige Bilderbuch-Anarchist und der distanzierte Erzähler-Beobachter mit der zugleich restriktiven wie pompösen Agenda des Obersten Revolutionsrats arrangieren, ergäbe allein schon Stoff für ein parodistisches Kabinettstück.

Nächster Schauplatz: Sirt. Dort nämlich, munkelte man, werde ER persönlich zu den Revolutionsfeierlichkeiten im neuerbauten High-Tech-Kongresszentrum einfliegen. Warten auf IHN inmitten zahlloser einheimischer Würdenträger, aus aller Welt angereister Repräsentanten revolutionärer Befreiungsbewegungen, Künstler und Revolutionstouristen. Gadhafi lässt bitten und inszeniert seinen Einzug just in dem Moment, als die erwartungsvolle Stimmung im Saal zu kippen droht.
Die Schilderung der anschließenden megalomanischen Veranstaltung - der Verleihung des Großen Ordens der libyschen Revolution - während derer Gadhafi einmal ganz als selbstherrlicher Despot, einmal als verkindschter Trotzkopf erscheint, findet ihren Höhepunkt, als unvermutet ein Mitglied der kleinen deutschen Abordnung aufgerufen wird...
Abseits der Bizarrerie staatlicher Repräsentation bleibt dem Erzähler immer wieder Gelegenheit, die Verhältnisse des ehemaligen »Schurkenstaates Nr. 1« miniaturhaft zu erhellen: der unübersehbare Wohlstand der Bevölkerung; die fast sprichwörtliche arabische Gastfreundschaft; Dissens und Machtkämpfe innerhalb der Nomenklatura; die von offizieller Seite vorangetriebene Säkularisierung der Gesellschaft; die egalitären Bemühungen - und dies mit einem kritischen Seitenhieb auf andere arabische Staaten -; aber auch die religiösen und kulturellen Traditionen, die ihre Nischen im Privaten gefunden haben. Ironisch, manchmal schreiend komisch, jedoch stets mit ungetrübtem Blick, der neben allem Parodistischen, das den Jubelfeierlichkeiten anhängt, die gesellschaftlichen Gegebenheiten abseits gängiger Politklischees ins Visier nimmt.

Leseprobe

»Guten Tag, hier ist das Libysche Volksbüro in Bonn – spreche ich mit Renate Eisel?« »Ja.« »Ich verbinde mit Herrn Azzabi.« Herr Azzabi war kein geringerer als der Botschafter persönlich. »Do you know that you are flying to Libya tomorrow?«, fragte Herr Azzabi. Renate war vor drei Wochen von ihrer letzten Libyen-Reise mit einem »Nie wieder«-Schwur auf den Lippen zurückgekommen, brachte jedoch gegenüber der eben übermittelten Botschaft nur ein »oh, how nice« über dieselben Lippen. Außerdem möge sie bitte, fuhr Mr. Azzabi fort, auch diesmal Landsleute mitbringen; eine Feier im Zusammenhang mit dem zwanzigsten Jahrestag der Großen Revolution werde stattfinden, und es stehe in ihrem Ermessen, welche Mitreisenden sie wähle: Hauptsache, »Rrenatta« führe sie an. Er bitte nur darum, innerhalb der nächsten Stunde – es war etwa vierzehn Uhr – vier weitere Namen durchzugeben, damit die Tickets ausgestellt werden könnten. Nie-wieder-Renate stammelte »Yes, okay«, legte auf, sah mich scharf an und sagte: »Diesmal kommst du aber mit.«

Pressestimmen

»Die Novelle bringt in teilweise extrem pointierter und ironischer Darstellung die wahrscheinlich unerhörteste Begebenheit im Leben einer Gruppe BRD-Linker Mitte der 80er Jahre zur Darstellung.«
Listen

»Aus der Tiefe der Großen Syrte auftauchend, tun sich dar die Wunder des Gerölls, des Sands, der Nächte und der weiblichen Leibgarde. Wer trotzdem verzagt, wird eingesperrt.«
Günter Herburger


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